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Ratatouille
Kritik der siham.net-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Ratatouille
Von Christoph Petersen
Neben der hüpfenden Lampe gehört auch der obligatorische Vorfilm zu den Markenzeichen einer typischen Kinovorführung einer Pixar-Produktion. Im vergangenen Jahr wurde John Lasseters Cars so von dem oscarnominierten Kurzfilm-Meisterwerk „One Man Band“ eingeleitet, wobei der geniale Vorfilm dem eigentlichen Hauptevent mit großen Schritten den Rang ablief. Auch im Falle von Brad Birds Animationskomödie „Ratatouille“ hat diese Gefahr der verqueren Verhältnisse durchaus bestanden, denn Gary Rydstroms Fünfminüter „Lifted“ ist einmal mehr ein zum Schreien komisches Kurzfilm-Highlight. Ein schwer überforderter UFO-Fahrschüler soll einen friedlich schlafenden Menschen mit dem Traktorstrahl aus seinem Bett und an Bord der fliegenden Untertasse befördern, hat dabei aber mit den vielen Knöpfen und dem schmalen Fenster so seine Probleme. Doch „Ratatouille“ nimmt die Herausforderung nicht nur an, er meistert sie auch noch spielend. Birds nach Die Unglaublichen zweiter 3D-Animationsfilm erweist sich als das perfekte Leinwandabenteuer - perfekt erzählt, perfekt inszeniert und perfekt animiert. Es ist kaum vorstellbar, dass man an einem Film dieses Genres überhaupt noch etwas großartig besser machen könnte.

Ratte Remy (Stimme: Patton Oswalt) ist so ganz anders als seine Artgenossen. Statt sich wie diese an gammeligen Abfällen zu laben, steht ihm der Geschmack eher nach lukullischen Genüssen. Statt nach stinkend-braunen Essensresten Ausschau zu halten, ist er stets auf der Suche nach den frischesten Zutaten und den allerfeinsten Gewürzen. Bei einer seiner kulinarischen Erkundungsreisen geht jedoch etwas ganz gehörig schief, plötzlich muss Remys kompletter Ratten-Clan die Flucht vor einer schießwütigen Oma antreten. In der Kanalisation verlieren sich Remy und seine Familie, fortan muss sich der unverstandene Rattenkoch alleine durchschlagen. Doch Remy hat Glück im Unglück, als er an die Oberfläche zurückkehrt, erwartet ihn nicht nur ein atemberaubendes Paris-Panorama, er steht auch noch direkt vor dem Restaurant seines verstorbenen Meisterkoch-Idols Gusteau. Bei einem ersten Blick in die Sterneküche muss Remy mit ansehen, wie der tollpatschige Küchenjunge Linguini (Lou Romano) die köchelnde Suppe ruiniert. Natürlich kann Feinschmecker Remy diesen Fauxpas nicht einfach so geschehen lassen, stürzt sich mutig in den Küchentrubel und rettet mit ein paar raffiniert kombinierten Gewürzen das versaute Gebräu. Als die Suppe von den Gästen überragend angenommen wird, schmeißt Küchenchef Skinner (Ian Holm) Linguini entgegen seinen ursprünglichen Plänen doch nicht in hohem Bogen hinaus, sondern befördert ihn stattdessen sogar zum Koch. Das Problem ist nur, dass Linguini vom Kochen nicht die geringste Ahnung hat. Gemeinsam mit Remy überlegt er sich eine Möglichkeit, auch weiterhin die kleine Ratte an den Töpfen das Ruder übernehmen zu lassen...

Die Trefferquote von Regisseur Brad Bird ist eigentlich kaum noch zu toppen. Inklusive „Ratatouille“ hat er gerade einmal drei abendfüllende Spielfilme vorzuweisen, und doch tummeln sich bereits zwei Meisterwerke in dieser kleinen, aber sehr feinen Liste. Mit der unglaublich bissigen Kalter-Krieg-Parabel „Der Gigant aus dem All“ legte er ein 2D-Debüt hin, in dessen Güteklasse sonst wohl nur ein Hayao Miyazaki (Das Schloss im Himmel, Prinzessin Mononoke) mitspielt. Und auch Birds erster Ausflug ins computeranimierte 3D-Genre, die temporeiche Action-Parodie Die Unglaublichen, konnte, auch wenn sie ein wenig hinter seinem Erstling zurückblieb, auf der ganzen Linie überzeugen. Mit „Ratatouille“ ist Bird nun einmal mehr ganz oben angekommen. Auch wenn der Film sich unverdientermaßen finanziell eher am unteren Ende der Pixar-Erfolgsgeschichte einreihen wird, liegt er qualitativ doch an deren Spitze, übertrumpft selbst solche Animations-Highlights wie Die Monster AG, Findet Nemo oder „Toy Story 2“.

Was Pixar-Filme im Schnitt so weit über die Animationsanläufe anderer Studios hievt, ist die stets gelungene Mischung aus Kinder- und Erwachsenenunterhaltung. In „Ratatouille“ geht diese Schere zwischen den Zielgruppen noch weiter auseinander, es wird noch mehr wert als sonst auf die spezifisch auf ein älteres Publikum ausgerichteten Anteile gelegt. Vor allem die Frankreich- und Paris-Anspielungen, die sich nie mit dem Abarbeiten oberflächlicher Klischees zufrieden geben, sondern überzeugend geistreich daherkommen, dürften die mitgeschleiften Eltern begeistern. So gibt es beispielweise eine Szene, in der Remy in eine Wohnung blickt, wo eine eifersüchtige Frau ihren Lover gerade mit einer Pistole bedroht. Nur einen Moment später schaut Remy noch einmal, nun liegt sich das Paar leidenschaftlich küssend in den Armen – hier wird 100 Jahre französischer Film in einer winzigen Sequenz absolut treffend und urkomisch in einem höllischen Tempo persifliert. Aber auch wenn sie einige Szenen, Anspielungen oder Wendungen sicherlich nicht hundertprozentig nachvollziehen können, wird für die Kleinen mehr als genug geboten. Dabei erweisen sich die meisten Szenen nicht nur als actionreich und humorvoll, sondern als unglaublich phantasievoll. Wo der Fantasy-Sommerblockbuster Harry Potter und der Orden des Phönix in seiner Küchenszene mit einem einzigen Einfall, nämlich einem selbstrührenden Löffel, auskommt, muss man „Ratatouille“ sicherlich x-mal gucken, um auch nur einen Bruchteil der liebevollen Kleinigkeiten im Hintergrund mitzubekommen.

Abgesehen davon, dass Bird seine phantasievolle Geschichte perfekt erzählt, setzt er sie auch grandios in Szene. Dass „Ratatouille“ wie eigentlich jede frische Pixar-Produktion auf der rein technischen Seite neue Maßstäbe setzt, sich von der Animations-Qualität her von allen Vorgängern positiv abhebt, dürfte wohl kaum noch jemanden überraschen. Aber wirklich beeindruckend ist vielmehr, wie genial Bird seinen Film inszeniert. Würde es sich hier um einen Realfilm handeln, wäre ihm der Oscar für die beste Kamera wohl nicht mehr zu nehmen. Jede Sequenz wartet mit einzigartigen, immer stimmigen und oft angenehm überraschenden Einstellungen auf. Und die an Rasanz kaum noch zu übertreffenden Kamerafahrten während der Actionszenen setzen dem Ganzen sogar noch einen drauf. Als - aus rein visueller Sicht - absolutes Highlight entpuppt sich so Remys erster Ausflug in die Küche von Gusteaus Restaurant, eine mehrminütige Actionsequenz, die durch phantasievolle Einfälle, zahlreiche Perspektiv- und unerwartete Tempowechsel brilliert.

Doch die ganze formale technische Perfektion wäre nur die Hälfte wert, wenn die Charaktere, bei ehrlicher Betrachtung das Herzstück eines jedes CGI-Films, nicht so wunderbar funktionieren würden. Eine Kanalratte wird zum überaus charmanten Helden einer Komödie? Verrückt, aber wahr. Es ist nicht nur der Wortwitz, auch Gestik und Mimik des pelzigen Maitres sind ein Ereignis, zumal Mensch und Tier nicht in einer Sprache miteinander kommunizieren können. Überhaupt wird es immer dann am lustigsten, wenn Remy seine liebevolle, aber holzklötzige Meute am Bein hat und diese ihn unfreiwillig mindestens in Verlegenheit, meist aber in Lebensgefahr bringt. Remy ist ein famoser, magischer kleiner Held, der es mit den großen Alten aus dem Haus der Maus locker aufnehmen kann.

Fazit: Brad Bird revolutioniert das Animationsgenre zwar nicht, aber er perfektioniert es. So ordnet sich „Ratatouille“ auf Anhieb ganz oben in der Hierarchie der Pixar-Werke, ja, sogar an der Spitze des 3D-Animationskinos überhaupt, ein. Und beweist beiläufig, gar spielend, dass auch ein CGI-Film mit den Charmewerten in derselben Liga wie die großen Disney-Zeichentrick-Klassiker längst vergangener Tage spielen kann.
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