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Tatort: Die Faust
Kritik der siham.net-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Tatort: Die Faust
Von
In der mittlerweile fast 50-jährigen „Tatort“-Geschichte hat schon eine ganze Reihe charismatischer Serienmörder die Fernsehzuschauer in Angst und Schrecken versetzt: 1996 zitterten wir zum Beispiel im starken Ludwigshafener „Tatort: Der kalte Tod“ vor dem eiskalt mordenden Professor Otto Sorensky (Matthias Habich), 2012 im vielgelobten Kieler „Tatort: Borowski und der stille Gast“ vor dem psychopathischen Paketboten Kai Korthals (Lars Eidinger) oder 2016 vor dem selbsternannten Sterbehelfer Arthur Steinmetz (Jens Harzer), der seine Opfer im auch ästhetisch herausragenden Wiesbadener „Tatort: Es lebe der Tod“ reihenweise ins Jenseits beförderte. In Christopher Schiers „Tatort: Die Faust“ bekommen es die Kommissare erneut mit einem Serienkiller zu tun – doch anders als in den drei genannten Folgen der Krimireihe will die ganz große Spannung diesmal nur stellenweise aufkommen. Das liegt vor allem daran, dass Schiers Film nur auf den ersten Blick von der Jagd auf einen mordenden Psychopathen erzählt – „Die Faust“ ist vielmehr eine eigenwillige Kreuzung aus Psychothriller und Polit-Krimi, die im Gesamtergebnis nicht ganz überzeugt.

Die österreichische Hauptstadt wird von einer Mordserie erschüttert: Erst tötet ein maskierter Killer den auffällig tätowierten Serben Dusan (Faris Rahoma), dann den georgischen Gärtnerei-Mitarbeiter Davit (Sebastian Pass) und kurz darauf die junge Ukrainerin Nataliya (Larissa Fuchs), die gerade erst ein Kind zur Welt gebracht hat. Die Suche nach dem Täter gestaltet sich für die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die bei ihren Recherchen von ihrem Assistenten Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), ihrem Kollegen Clemens Steinwendtner (Dominik Maringer) und Gerichtsmediziner Prof. Kreindl (Günter Franzmeier) unterstützt werden, besonders schwierig: Der Unbekannte geht äußerst sorgfältig vor und stellt die Leichen an Orten zur Schau, an denen sich kaum verwertbare Spuren finden lassen. Doch seine drei Opfer teilen eine auffällige Gemeinsamkeit: Sie lebten in Wien unter falscher Identität. Eine heiße Spur führt die Ermittler zu einem Bekannten der Getöteten: Universitätsprofessor Nenad Ljubic (Misel Maticevic) ist auf Osteuropas Bürgerrechtsbewegungen spezialisiert und stand offenbar wenige Tage vor den Morden in Kontakt mit den Opfern...

„Da hat jemand Sinn für Theatralik“, resümiert Bibi Fellner nach dem Auffinden der dritten Leiche – doch anders als im „Tatort: Gott ist auch nur ein Mensch“, in dem Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im November 2017 in Münsters Künstlerszene einen ganz ähnlich tickenden Serientäter suchten, können sich ihre Wiener Kollegen ihrer Sache bei weitem nicht so sicher sein. Fahnden sie wirklich nach einem Mörder mit einem Faible für spektakuläre Inszenierungen oder ist das Ganze womöglich nur ein aufwändiges Ablenkungsmanöver? Aber spätestens als Moritz Eisner nach einer Dreiviertelstunde seine alte Profiler-Freundin Henriette Cerwenka (Erika Mottl) in die Ermittlungen miteinbezieht und diese seine Theorie bestätigt, lichtet sich in diesem „Tatort“ langsam der Nebel. Ab diesem Moment ist die Auflösung der Täterfrage auch aufgrund der wenigen Verdächtigen nur noch Routine – und der als waschechter Psychothriller beginnende Film durchlebt eine bemerkenswerte Metamorphose hin zum (über-)ambitionierten Polit-Krimi, dessen Handlung in der Folge aber bei weitem nicht so überzeugend ausgearbeitet wird wie der erste Abschnitt der Geschichte.

Die geht nämlich sehr vielversprechend los: Der bisher vor allem mit Dokumentationen und TV-Serien in Erscheinung getretene Drehbuchautor Mischa Zickler und Regisseur Christopher Schier („Wir sind Kaiser“), der nach dem soliden „Tatort: Wehrlos“ das zweite Mal binnen neun Monaten für den ORF-Krimi am Ruder sitzt, ziehen die Spannungsschraube von Beginn an kontinuierlich an. Den Auftritt des mit einem Spurensicherungsoverall und Maske perfekt getarnten Killers steigern sie von Todesfall zu Todesfall konsequent in seiner Wirkung: Sieht der Zuschauer beim ersten Mord in einer leerstehenden Mietswohnung noch nicht ihn und die grausame Tat selbst, sondern nur das blutige Ergebnis, gibt es beim zweiten Mord bereits einen netten Jump Scare, bei dem wir dem Mörder in einem Parkhaus direkt in sein maskiertes Gesicht blicken. Beim dritten Mord befindet sich das Spannungsbarometer dann am Anschlag: Quälend lange Minuten werden wir in Ego-Shooter-Perspektive Zeuge, wie sich der Killer Zutritt zur Wohnung seines weiblichen Opfers verschafft und es brutal abschlachtet, während die furchtbar verängstigte Mitbewohnerin wenige Meter weiter in einem Versteck um ihr Leben zittert.

Spätestens als die österreichischen Ermittler bei ihren Nachforschungen in der zweiten Filmhälfte auf geheime CIA-Manöver stoßen, die angeblich bis nach Osteuropa und Asien reichen, verliert der 1043. „Tatort“ aber die Bodenhaftung: Selbst für den in der Vergangenheit schon häufiger auf internationale Verbrechen ausgerichteten Fadenkreuzkrimi aus Wien wirkt die Geschichte nun eine Nummer zu groß. Für eine standesgemäße Ausarbeitung der Hintergründe zum Fall bleibt am Ende auch nur noch wenig Zeit: Bibi Fellner hat sich zum Leidwesen ihres langjährigen Kollegen Eisner beim gemeinsamen Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) für eine neu geschaffene leitende Position bei der Kripo beworben – und es will natürlich noch erzählt werden, wie dessen Personalentscheidung ausfällt und ob sich Eisner womöglich eine neue Partnerin suchen muss. Trotz oder gerade wegen dieses regelmäßig auflodernden Konflikts harmonieren die beiden Ermittler aber einmal mehr prächtig: Anders als im vorigen Wiener „Tatort: Virus“ oder im enttäuschenden „Tatort: Sternschnuppe“ von 2016 sind Humor, Frotzeleien und Schmäh diesmal angenehm dosiert und wirken weitaus natürlicher als dort.

Fazit: Christopher Schiers Wiener „Tatort: Die Faust“ ist ein Krimi mit Licht und Schatten – der starken ersten Filmhälfte und den pointierten Dialogen der Kommissare stehen eine sehr enttäuschende zweite Halbzeit und eine vorhersehbare Auflösung gegenüber.
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