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Annabelle
Kritik der siham.net-Redaktion
3,0
solide
Annabelle
Von
Eines muss man dem vor allem auf Parodien wie „Scary Movie“ oder „Die Pute von Panem“ spezialisierten Produzenten Peter Safran lassen: Er verliert keine Zeit! Nachdem im Sommer 2013 immer mehr darauf hindeutete, dass James Wans Grusel-Schocker „Conjuring – Die Heimsuchung“ über das real existierende Geisterjäger-Ehepaar Ed und Lorraine Warren ein echter Überraschungshit werden würde (von uns gab es 4,5 Sterne), brachte er die inzwischen für 2015 angekündigte Fortsetzung „Conjuring: The Enfield Poltergeist“ bereits vor dem Kinostart des ersten Teils in trockene Tücher. Und damit nicht genug: Bereits ein Jahr nach dem 180-Millionen-Dollar-Hit (bei einem Budget von nur 20 Millionen) kommt nun das von „Mortal Kombat 2“-Regisseur John R. Leonetti inszenierte Spin-off „Annabelle“ in die Lichtspielhäuser. Und auch das wird an den Kassen wieder mächtig Reibach machen, denn selbst wenn es kein herausragendes Genre-Highlight wie sein Vorgänger geworden ist, verfehlt das handwerklich ebenfalls überzeugende Schauerstück in den entscheidenden Szenen definitiv nicht seine Wirkung.

Als der angehende Arzt John Form (Ward Horton, Rothschild Broker #3 in „The Wolf of Wall Street“) und seine schwangere Frau Mia (Annabelle Wallis, eine namenlose Studentin in „X-Men: Erste Entscheidung“) Ende der 1960er eines Nachts von zwei durchgeknallten Satanisten in ihrem Haus überfallen werden, kommt das Ehepaar zum Glück mit kleineren Verletzungen und einem großen Schrecken davon. Allerdings treten in der Folge immer wieder unerklärliche Vorkommnisse auf (so wird Mia etwa von einer unsichtbaren Kraft zurückgerissen, während sie von einem Feuer in der Küche wegzurobben versucht) und selbst nachdem die Forms mit ihrem neugeborenen Baby in eine andere Wohnung gezogen sind, nimmt der Spuk kein Ende: Während Geister meist einen speziellen Ort heimsuchen, klammern sich Dämonen eben auch an Gegenstände, zum Beispiel an eine Puppe wie Annabelle, die John seiner Liebsten vor einiger Zeit zum Geschenk gemacht hat…


Nachdem Annabelle in der Auftaktsequenz von „Conjuring“ für mächtig paranormalen Aufruhr in einer Krankenschwestern-WG gesorgt hatte, musste sie den Rest des Films in einer Glasvitrine im privaten Museum der Warrens absitzen, die bis heute zur Sicherheit alle zwei Wochen von einem Geistlichen gesegnet wird. „Annabelle“ erzählt nun die Vorgeschichte der Puppe und zu der ist dem bisher lediglich mit Direct-to-DVD-Trash wie „Blood Monkey“ aufgefallenen Drehbuchautor Gary Dauberman leider kaum etwas Neues eingefallen: „Annabelle“ ist zumindest auf dem Papier ein vollkommen generischer Malen-nach-Zahlen-Dämonen-Schocker (was sich unter anderem an den austauschbaren Nebenfiguren zeigt: ein Polizist, ein Priester, eine Okkult-Buchhändlerin). Aber zum Glück gibt es da ja auch noch Regisseur John R. Leonetti, der als Kameramann schon entscheidend zur Atmosphäre (und damit zum Erfolg) von „Conjuring“ und den zwei ebenfalls von James Wan inszenierten „Insidious“-Filmen beigetragen hat und nun erstmals seit „Butterfly Effect 2“  von 2006 wieder auf dem Regiestuhl platznimmt.

Und tatsächlich: Mit Ausnahme des etwas enttäuschenden Finales entpuppen sich die atmosphärischen Gruselszenen auch in „Annabelle“ wieder allesamt als ungebremste Wirkungstreffer! Gleich der erste große Schockmoment erschüttert den Zuschauer bis ins Mark: Aus dem trügerisch-friedlichen Schlafzimmer der schlummernden Forms heraus blickt die Kamera durch das Fenster der Nachbarn, die nahezu geräuschlos von den Satan-Anhängern niedergemetzelt werden. Ob eine ohne Grund losratternde Nähmaschine, eine sich immer wieder im selben Stockwerk öffnende Fahrstuhltür oder eine Reihe im Treppenhaus ausgelegter Wachsstift-Kinderzeichnungen (die böseste und brillanteste Szene des Films), Leonetti hat ein Talent dafür, solche vermeintlich simplen Schocks handwerklich derart geschickt in Szenen zu setzen, dass sie selbst ausgebufften Horror-Zuschauern einen Schauer den Rücken runterjagen. Und das obwohl er gegenüber „The Conjuring“ mit einem deutlich reduzierten Budget von gerade einmal fünf Millionen Dollar auskommen muss: Statt prominenter Darsteller wie Vera Farmiga und Patrick Wilson spielen in „Annabelle“ eben die noch unbekannten, aber dennoch einen ordentlichen Job abliefernden Annabelle Wallis und Ward Horton die Hauptrollen und auch den im Vergleich zu „Conjuring“ sterileren, etwas Seifenopern-artig ausgeleuchteten Sets ist anzumerken, dass beim Spin-off nur noch ein Viertel des Geldes zur Verfügung stand.

Fazit: „Annabelle“ ist durch und durch formelhafter, aber nichtsdestotrotz über weite Strecken verflucht effektiver Dämonenhorror.
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