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WALL·E - Der letzte räumt die Erde auf
Kritik der siham.net-Redaktion
4,5
hervorragend
WALL·E - Der letzte räumt die Erde auf
Von Carsten Baumgardt
Was soll nach Pixars Ratatouille noch kommen? Wie kann dieses unglaublich charmante Animationsmeisterwerk getoppt werden? Nur ein Jahr später gibt das Studio, das mittlerweile unter dem Disney-Dach produziert, die Antwort: Die Roboter-Liebesgeschichte „Wall-E“ ist zumindest animationstechnisch das perfekteste, was jemals über Kinoleinwände geflimmert ist. Bei der Geschichte ging Regisseur und Autor Andrew Stanton hingegen ein Risiko ein, als er einen Roboter ins Zentrum seiner Erzählung stellte. Schließlich konnten blecherne Protagonisten in Filmen wie Robots oder Cars bisher nicht, beziehungsweise nicht vollends überzeugen. Doch das CGI-Feuerwerk arbeitet clever dagegen an und schafft es, die Figuren wirkungsvoll zu emotionalisieren und tatsächlich direkt ins Herz seines Publikums vordringen zu lassen. Als Makel bleibt jedoch die Tatsache, dass „Wall-E“ bei ehrlicher Betrachtung ein elegant durch Zitate und Referenzen an Sci-Fi-Meisterwerke wie 2001 - Odyssee im Weltraum auf 103 Minuten aufgeblasener Vorfilm ist – ein Kinoerlebnis, wie eine atemberaubende Fahrt in einer Disney-Themenpark-Attraktion.

Um das Jahr 2800: Den ganzen lieben langen Tag geht der emsige Roboter Wall-E (Waste Allocation Load Lifter Earth-Class) seiner Profession nach und sammelt Müll, presst ihn in kleine Würfel und stapelt den Abfall zu kunstvollen Türmen. Fleißig. Seit mehr als 700 Jahren. Unaufhörlich. Er ist der letzte seiner Art, die der Konzern „Buy n Large“ einst ausgesandt hatte, um die zugemüllte Erde vom Dreck zu befreien. Die Menschen, mittlerweile längst in den Weltraum geflüchtet und auf monströsen Vergnügungsschiffen havariert, sind fett, beinahe bewegungsunfähig, technikabhängig und kaum mehr Herr ihrer Sinne. Der einsame Wall-E hat im Gegensatz dazu eine echte Persönlichkeit entwickelt, ist ungeheuer neugierig und sehr lernbegierig. Sein einziger Freund ist die Kakerlake Hal, die ihm in seiner kleinen Behausung, wo er liebevoll Kleinkram sammelt, Gesellschaft leistet. Eines Tages taucht der weibliche Druid Eve (Extra-terrestrial Vegetation Evaluator) auf und findet bei Wall-E genau das, was die Menschheit zur Rückkehr auf die Erde benötigt: eine kleine Pflanze, die den Lebenskreislauf wieder in Gang bringen könnte. Doch Wall-E hat sich in Eve verliebt… und folgt ihr in die Weiten des Weltalls…

4,3 Milliarden Dollar haben die acht Pixar-Werke („Toy Story“, „Das große Krabbeln“, „Toy Story 2“, Die Monster-AG, Findet Nemo, Die Unglaublichen, Cars, Ratatouille) bisher weltweit eingespielt. Diese Summe ist eine echte Hausnummer und vermittelt einen Eindruck davon, warum Disney 2006 den Anführer der Animationsbranche für 7,4 Milliarden Dollar ins Haus der Maus geholt hat. Schließlich war Disney zuletzt mit eigenen Produktionen wie Die Kühe sind los, Himmel und Huhn oder Triff die Robinsons mehr oder weniger kläglich daran gescheitert, das Niveau der Pixar-Magier zu erreichen und damit die jahrzehntelange Vormachtstellung im Zeichentrickgenre wiederzuerlangen. Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, musst du dich mit ihm verbünden, dachte sich der Kriegsrat der Disney-Manager. Wie die Erfahrung zeigt, war dies für das Traditionsstudio die richtige Entscheidung.

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Mit „Toy Story“ setzte Pixar bereits 1996 Maßstäbe im damals noch frischen CGI-Animationsfilm. Wie viele Welten zwischen damals und heute liegen und wie sich die Technik weiterentwickelt hat, ist schon erstaunlich. Die technische Perfektion, mit der das Studio arbeitet, ist über die Jahre zum Markenzeichnen geworden, doch der eigentliche Schlüssel zum Erfolg der Filme ist ein anderer: In jedem ihrer Werke schaffen die Pixar-Macher eine stabile emotionale Verbindung zum Publikum. Viel besser als bei „Cars“, wo dies erstmals grenzwertig war, gelingt dieser entscheidende Schachzug bei „Wall-E“. Regisseur Stanton (Findet Nemo) traut sich was: Die erste halbe Stunde kommt nahezu ohne Dialoge aus, was sich nur als Beginn der zahlreichen Reminiszenzen an Stanley Kubricks bahnbrechendes Meisterwerk „2001 - Odyssee im Weltraum“ herausstellt. Lediglich die beiden Roboter Wall-E und Eve glucksen, dem Sprechen nicht wirklich fähig, vor sich hin. Ben Burrt (Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, E.T. - Der Außerirdische), der schon dem legendären R2-D2 in der „Star Wars“-Saga die Töne beibrachte, leistet hervorragende Arbeit und verleiht den Roboterturteltäubchen enorm viel Charme. Seine humanen Emotionen hat sich der kleine, tapfere Blechkamerad übrigens bei dem Gene-Kelly-Musical „Hello, Dolly!“ (1969) abgeguckt, das fast rund um die Uhr in Wall-Es Container läuft.

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Storytechnisch erweist sich „Wall-E“ zunächst als etwas schwach auf der Brust. Pixar berauscht sich dabei an sich selbst, schwelgt in wunderschönen Weltuntergangspanoramen und definiert den Begriff „state of the art“ für CGI neu. Bereits in dieser Phase ist der Detailreichtum atemberaubend, doch erst mit dem Sprung in den Weltraum mausert sich „Wall-E“ von einem guten zu einem sehr guten Film. Die bisher schlichte, kaum wahrnehmbare Dramaturgie schaltet in den Overdrive und das große Staunen kann beginnen. Wall-Es und Eves Abenteuer auf der schiffartigen Raumstation Axiom, die von außen stark an „Flosten Paradise“ aus Luc Bessons Das fünfte Element erinnert, sind von schier unglaublicher Rasanz und Tempo geprägt. Spätestens hier rückt Regisseur und Autor Stanton die zweite Ebene seines Films in den Mittelpunkt und erhebt seinen bisher amüsanten Roboterfilm zu einer unverhohlenen Gesellschaftskritik: Kritik am Konsumterror, Kritik am Wahn, immer fetter zu werden, Kritik an der Unmündigkeit der Bürger, Kritik an der Technikgläubigkeit der Menschen und Kritik an dem Hang zur Norm…

Das bringt jedoch auch kleinere Probleme mit sich. Die Umsetzung ist als Satire zu harmlos, weil die Menschen trotz allem als gutmütige, naive Wesen dargestellt werden und somit die nötige satirische Schärfe fehlt - Subtilität ist etwas anders. Die Botschaft verliert durch die simple Form an Wirkung. Das ist offensichtlich dem Spagat geschuldet, einen abendfüllenden Animationsfilm irgendwo zwischen den Ansprüchen eines kindlichen und erwachsenen Publikums platzieren zu müssen. Dazu fällt auf, dass die Kritik des Films sich vornehmlich auf Auswüchse der US-amerikanischen Gesellschaft bezieht. Sicherlich sind diese Probleme irgendwo auch universell, aber nicht in der Dominanz und Penetranz, wie sie in den USA auftreten.

Können die lieben Kleinen dem kritisierenden Treiben zumindest noch im Ansatz folgen, werden sie beim ausgiebigen Zitieren außen vor gelassen und dafür mit grandiosen Schauwerten abgespeist. Stanton orientiert sich an der halben Sci-Fi-Filmgeschichte, lässt Verfolgungsjagden wie auf dem „Star Wars“-Todesstern über die Leinwand fegen (inklusive verdächtig ähnlichem Score), mischt ein bisschen Alien, Blade Runner und „Buck Rogers“ hinzu, würzt mit einer Prise Titanic nach und kreuzt das Ganze mit dem kindlich-naiven Geist von Unheimliche Begegnung der dritten Art und E.T. - Der Außerirdische – und schafft dennoch etwas Eigenständiges. Doch über allem thront die Verbeugung vor Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, was schließlich in der Verwendung von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ gipfelt.

Fazit: Pixars „Wall-E“ ist ein optisches Meisterwerk, dessen technische Brillanz und die überbordende Phantasie die Schwächen in der dünnen Story famos übertünchen. Insgesamt kommt „Wall-E“ so nicht ganz an seinen Vorgänger „Ratatouille“ heran, begeistert aber dennoch als großer Film mit noch größerem Herz.

Anmerkung: Als Vorfilm läuft Doug Sweetlands unglaublich komischer Animations-Kurzfilm „Presto“: In seinem Fach kann ihm niemand etwas vormachen, doch der große Magier Presto macht kurz vor einem wichtigen Auftritt einen Riesenfehler: Er vergisst, sein Show-Kaninchen zu füttern... Der Mümmelmann lässt sich einiges einfallen, um an die Möhre zu kommen und bringt damit seinen Herrn auf der Bühne zur Raserei...

Linktipp: Interview: Andrew Stanton: Der Pixar-Pionier über „WALL-E“
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